11 Januar 2018

Textfeedback: Vom Schreckgespenst zur Kraftquelle

Posted in Wissenschaftliches Schreiben, Schreiben im Beruf, Kreatives Schreiben

Stärkekarten für starke Texte

Ich bin immer wieder überrascht über die Panik, die plötzlich in den Augen von Schreibenden auftaucht, wenn ich sage: und jetzt kommt eine Textfeedbackrunde. Einen Text schreiben und direkt vorlesen? Niemals. Der Text muss schon nahezu perfekt sein, ehe ihn andere lesen dürfen. Sonst könnten sie ja denken: ach, besser kann die nicht schreiben? Man muss selbst alles gegeben haben, den Text bestmöglich geschrieben haben. Erst dann darf er in die feindliche Welt entlassen werden.

Neugierig zuhören

Ich sage Textfeedback, doch die Schreibenden hören etwas ganz anderes: Bewertung und Kritik an ihrem Text und an ihnen selbst. Spannende Thesen, kluge Gedanken oder überzeugende Argumentationen werden zerredet und zerpflückt. Statt neugierig und offen zuzuhören, wird nach den Schwachstellen im Text gesucht. In dem gutgemeinten Versuch, den Text der Schreibenden zu verbessern, wird die Person hinter dem Text vergessen. Ich sage Textfeedback, doch die Schreibenden hören das, was sie bisher in der Schule, im Studium, in der Ausbildung unter dem Schlagwort Feedback erlebt haben – Rückmeldungen, die weder gestärkt noch motiviert haben. Und die Angst vor dieser Form von Feedback sitzt tief.

Friendly Feedback

Um zu spüren, welch enorme Kraft Textfeedback hat, muss man es, denke ich, erlebt haben – Friendly Feedback, wie ich es im writers’studio in Wien kennen und lieben gelernt habe und seit Langem selbst praktiziere. Wenn wir uns im schreibraum.ms Feedback geben, ist das Ziel, die Schreibenden anzufeuern, zu bestärken und sie dabei zu begleiten, sich weiterzuentwickeln – wohlwollend, wertschätzend, neugierig und offen. Denn wir werden bessere Schreibende, wenn wir hören, was an unseren Texten schon großartig ist, was so richtig starke Stellen sind, wo die Leser*innen neugierig geworden sind, wo sie das Feuer gespürt haben. Denn dann sehen wir, was wir schon alles können, und wissen, dass wir einfach nur mehr davon schreiben müssen.

Wohlwollendes Spiegeln

Ganz am Ende können wir die Dinge sagen, die uns beim Zuhören noch unklar waren, über die wir beim Lesen gestolpert sind. Doch dies ist kein entmutigendes Bewerten, sondern ein wohlwollendes Spiegeln dessen, was wir jeweils wahrgenommen haben – ohne dass unsere Wahrnehmung stimmen muss. Feedback ist immer ein Angebot.

Ich sage Textfeedback, und wenn du die Kraft davon spüren möchtest, trau dich und probiere es aus. Zum Beispiel beim neuen monatlichen Schreibtreff mit anschließendem Friendly Feedback (Termine im Kalender).

Und was sind deine positiven Erfahrungen mit Feedback? Was gibt dir Kraft beim Schreiben und beflügelt dich?

(Wenn du jetzt nichts Positives zu schreiben hast und wütend an deine Deutschlehrerin denkst: komm gerne zum Kurzkrimi-Workshop „Kleine Chef*innenmorde und andere Unfälle“, bei denen du zwecks Seelenhygiene eine Person deiner Wahl schreibend um die Ecke bringen darfst.)

Kommentare (1)

  • Katrin Röntgen

    17 Januar 2018 um 11:27 |
    So richtig Lust auf den PROZESS des Schreibens bekomme ich hier - statt immer nur auf das hoffentlich schnell & perfekt erzielte ERGEBNIS zu schielen! "Friendly Feedback" gibt dann auch dem manchmal tatsächlich leider abgenutzten Feedback-Begriff einen ganz neuen bunten, herzlichen Anstrich - wunderbar!

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