01 April 2020

Online-Schreibtreff: Verabredet euch zum Schreiben

Posted in Wissenschaftliches Schreiben, Schreiben im Beruf, Kreatives Schreiben

Online-Schreibtreff: Verabredet euch zum Schreiben

Fällt euch gerade die Decke auf den Kopf? Hättet ihr jetzt vielleicht sogar die Zeit, die sonst immer zu knapp ist: um endlich das Sachbuch, den Roman, die Dissertation (fertig) zu schreiben, die schon so lange in der Gedankenschublade liegt? Oder um einfach mal wieder Tagebuch zu schreiben oder eine Kurzgeschichte über Corona oder gerade über etwas ganz anderes? Und dann ist der Kopf doch irgendwie leer und es ist mühsam, sich zum Schreiben aufzuraffen? Dann hilft es dir vielleicht, dich mit anderen online zum Schreiben zu verabreden.

Wir, Eva-Maria Lerche, Schreibcoachin, und Gerti Kohlruss, die sich beruflich intensiv mit digitalen Lernmedien auseinandersetzt, skizzieren konkrete Gestaltungsideen von Schreibtreffs mit dazu passenden Tools.

Die Zutaten

  1. Finde mindestens eine Person, mit der du gerne schreiben möchtest. Zwei, drei oder vier vergrößern den Spaß, aber auch die technischen Anforderungen. Du kannst dir Leute suchen, die etwas Ähnliches schreiben, z.B. auch kreative Kurzgeschichten. Ein Online-Schreibtreff funktioniert aber genauso gut, wenn die eine an der Bachelorarbeit, der andere an einem Blogbeitrag und die dritte an einem Gedicht schreibt.
  2. Zu zweit könnt ihr genaugenommen auch telefonieren. Schöner und für mehr Leute sinnvoll ist, wenn ihr euch auch online sehen könnt. Ihr braucht also einen Computer, Laptop, Tablet, Smartphone o.ä. mit Kamera und eine stabile Internetverbindung.
  3. Und nun braucht ihr noch ein passendes Meeting-Tool. Wir beschreiben euch gleich erstmal den Ablauf eines Schreibtreffs und stellen euch dann digitale Möglichkeiten vor.
  4. Und jetzt braucht ihr euch nur noch auf eine Zeit einigen und euch online einladen.

Ein möglicher Ablauf

Individuelle Vorbereitung: Auch wenn ihr während des Treffens alle vor eurem Bildschirm sitzt, könnt ihr euch die Umgebung ansprechend gestalten und so eine schöne Schreibatmosphäre schaffen. Stellt euch Kaffee oder Tee und Knabbereien bereit, zündet vielleicht eine Kerze an oder stellt Blumen neben den Bildschirm, sorgt für gutes Licht.

  • Zum Start: Je nach Gruppe kann es hilfreich sein, dass ihr ein*e Hüter*in der Zeit benennt, also eine Person, die die Zeit im Blick hat und immer mal wieder freundlich Gesprächsrunden begrenzt, wenn sie zu sehr ausufern.
  • Der Schön-dass-du-da-bist-Einstieg: Kennt ihr euch noch nicht alle? Dann stellt euch vor, erzählt ein bisschen etwas von euch. Ihr kennt euch schon? Dann möchtet ihr euch vielleicht darüber austauschen, wie es euch gerade geht, aber auch, was ihr euch für den Schreibtreff vornehmen möchtet. Diese Phase könnt ihr auch visuell gestalten. Dies geht besonders gut mit Meeting-Tools, die ein Whiteboard oder eine Pinnwand an Bord haben.
  • Der Schreib-Einstieg: Und nun könnt ihr mit einem Schreibimpuls starten, um in den Schreibflow zu finden. Eine gute Schreibzeit sind 10 Minuten, in denen ihr mit der Hand frei und unzensiert runterschreibt, was euch zu dem Impuls einfällt.

Mögliche Impulse für den Einstieg sind:

Die sogenannten Morgenseiten (nach Julia Cameron, Der Weg des Künstlers): Schreibe einfach alles, wirklich alles runter, was dir gerade durch den Kopf geht, was dich beschäftigt, was du geträumt hast, was du noch erledigen musst, was dir Sorgen macht, was dich glücklich macht …

Der innere Kritiker: Schreibe darüber, was dein innerer Kritiker braucht, um dich mal für die nächsten ein, zwei Stunden in Ruhe zu lassen.

Impulse für Sach- und wissenschaftliche Texte: Was interessiert dich an deinem Thema, was macht dich daran neugierig? Was ist der Kern deines Textes? Welche Fragen möchtest du in dem Kapitel/Text/Blog beantworten?

Impulse für kreative Texte: Suche im Netz nach inspirierenden Bildern, z.B. auf pixabay.com, und schreibe dazu deine Gedanken auf. Oder sieh dich in deiner Wohnung um, greife einen Gegenstand heraus und schreibe dazu. Schreibe über ein Gefühl oder einen Sinn: Was riechst du, was hörst du im Moment? Schreibe über den Frühling. Schreiben über den blitzblauen Himmel ohne Flugzeuge. Oder, wenn du an einem größeren Projekt arbeitest: Schreibe über deine Figuren: Was treibt sie an, welche Entwicklung machen sie durch, wohin rennen sie?

  • Nach dem Schreib-Einstieg könnt ihr euch darüber austauschen, welche Gedanken euch gerade beim Schreiben kamen und was ihr davon mit den anderen teilen möchtet.

Schreibzeit und Abschluss

  • Nun beginnt die Schreibzeit. Verabredet eine Zeit, wann ihr euch wieder online trefft, z.B. nach einer oder zwei Stunden, und geht dann offline.
    • Eine Alternative zur freien Schreibzeit ist die sogenannte Pomodoro-Technik (von Francesco Cirillo, benannt nach der Eieruhr in Tomatenform): Ihr schreibt viermal hintereinander 25 Minuten und macht jeweils 5 Minuten Pause dazwischen, in der ihr aufsteht, euch streckt, das Fenster öffnet … Unten stellen wir euch auch ein Pomodoro-Tool vor.
  • Nach der Schreibzeit trefft ihr euch wieder online. Ihr könnt euch gegenseitig berichten, was ihr geschafft habt und euch dafür gebührend feiern und zum weiteren Schreiben anfeuern. Statt Applaus (der über Lautsprecher nicht so schön ist) könnt ihr euch visuellen Applaus geben, z.B. ein eigenes Applaussymbol in die Kamera halten, Daumen hoch oder "Clap your hands" z.B. von Zoom nutzen.
  • Wenn ihr euch besser kennt, könnt ihr euch auch Feedback auf eure frischen Texte geben. Mehr dazu gibt es demnächst in einem Blogbeitrag über Textfeedbackgruppen.
  • Und, hat es funktioniert? Dann vergesst nicht, zum Abschluss einen neuen Termin zu vereinbaren. Viele Meetingtools ermöglichen auch eine Kalenderverknüpfung, sofern ihr einen Online-Kalender benutzt. So wandert der neue Termin direkt in den Kalender und der Raum ist schon wieder für das nächste Mal vorbereitet.

Meeting-Tools für Online-Schreibtreffs

Ein Schreibtreff muss nicht aus vielen Leuten bestehen. Zwei bis fünf Personen sind eine gute Größe, zumal viele Meeting-Tools für kleine Gruppen kostenfrei sind und die Technik nicht gleich überfordert.

Vielleicht nutzt ihr ohnehin schon Meeting-Tools, mit denen ihr gut zurechtkommt. Hier stellen wir Tools vor, die wir für geeignet und stabil halten. Leider ist nicht immer alles im gewünschten Maß zu haben. Das kostenlose Allroundtool, jederzeit stabil verfügbar mit ausgereiften Meetingmethoden und auf heimischem Boden gehostet … wir fürchten, das müsst ihr erst noch selbst programmieren und auch selbst hosten.

Also stellen wir euch vier Tools vor, die mindestens in einer Richtung  besonders stark sind, so dass ihr nach euren Präferenzen entscheiden könnt. Wenn ihr euch geschäftlich trefft, denkt daran, dass ihr über den Datenschutz passend aufklärt. Wir gehen hier zwar vornehmlich auf Tools ein, die keine Registrierung der Teilnehmenden erfordern, jedoch wird meist zumindest die IP der Nutzenden sowie Datum und Uhrzeiten des stattfindenden Meetings protokolliert.

Für die Einarbeitung in das jeweilige Tool reichen, denken wir, 30 Minuten. Es ist sinnvoll, zwei Tage vor dem ersten Treffen einen 10-minütigen Technik-Check zu machen. So lassen sich vielleicht im Vorfeld noch bestehende Einstellungshürden bei Audio und Video beheben. Bei einem Online-Treffen musste jemand erst seinen Aufkleber von der Linse kratzen und war dann erstmal sehr verschwommen zu sehen, bis die Klebespuren von der Linse entfernt waren.

Tool 1: BLIZZ

https://www.blizz.com/de/ (Deutscher Anbieter Teamviewer, DSGVO-konform)

Dieses sehr übersichtliche Tool ist schnell eingerichtet (die Moderation installiert die Blizz-App auf dem eigenen Rechner und ermöglicht kostenlos ein Online-Meeting für maximal 5 Personen. Teilnehmende können über den Browser oder im IPad via Blizz-App teilnehmen.

Dieses Tool eignet sich deshalb für Schreibgruppentreffen, da alle Teilnehmenden auch Präsentationsrecht bekommen und dann ihren Bildschirm teilen können. So können alle mitlesen. Einen privaten Chat gibt es in Blizz allerdings nicht. Hier kann der allgemeine Chat genutzt werden.
Einen Blitzeindruck könnt ihr euch unter folgendem Videolink verschaffen: https://videos.chip.de/p/1741931/sp/174193100/serveFlavor/entryId/1_2wj7ym0o/v/1/flavorId/1_iurmdemf/name/a.mp4 (40 Sekunden)

Tool 2: Zoom

https://zoom.us/

Ein mächtiges Werkzeug, welches sowohl hohe Ansprüche an Audio und Video, als auch an kollaborativen Features bietet. Trotzdem ist es übersichtlich zu bedienen und ein gemeinsamer Online-Raum schnell eingerichtet.

Bei Zoom kann ein Whiteboard mit allen geteilt werden, um z.B. Ideen und Gedanken zu sammeln. Über den geteilten Bildschirm können auch Textpassagen eingeblendet werden.  Auch kann auf jedem geteilten Fenster kommentiert werden. Das geteilte Fenster lässt sich samt  Notizen speichern und dann wird die "Tafel geputzt" für neue Eintragungen.

Ein Wehrmutstropfen ist, dass Zoom bei allen einen Launcher installiert, um die Konferenzteilnahme zu ermöglichen. Die Teilnehmenden müssen sich nicht bei Zoom registrieren und können Zoom die Erlaubnis erteilen, Kamera und Mikrophon zu nutzen, was im Kontext eines Videotreffens natürlich Sinn macht. Der virtuelle Sichtkontakt hilft, soziale Bindung zu schaffen und sorgt für ein Mehr an sensorischen Informationen.

Zoom ist ein gutes Einsteigertool. Es lohnt sich für dich, dich richtig einzuarbeiten. Dann wenn du dich in einem Meeting-Tool gut auskennst, kannst du auch problemlos "umziehen".  Hilfestellung gibt wie so oft dein Youtube-Buddy an deiner Seite.

Tool 3: Jitsi

https://open.meet.switch.ch/  – Auf der Basis von Jitsi

Komplett frei, open source, bis etwa 5 Personen recht gute Performanz. Das wäre auch ein Tool für Selbsthoster.  Hier können sich kleine Gruppen auch unter in der Regel guten Bedingungen treffen. Leider fehlt hier die Möglichkeit eines Whiteboards. Bei einigen Installationen kann man stattdessen kollaborativ mit Hilfe eines Etherpads an einer Textdatei schreiben. Beim hier geteilten Link ist diese Funktion nicht integriert.

Tool 4: eduMEET

Das sehr neue, europäische Tool ( https://edumeet.geant.org/ ) noch in der Betaphase macht auch auf den ersten Blick einen guten Eindruck, der Bildschirm kann hier geteilt werden und ein Chat ist auch vorhanden. Momentan funktioniert dieses Tool auch ganz ohne Registrierung.

Pomodoro-Tools

Falls ihr die Schreibzeit mit der Pomodoro-Technik einteilen möchtet, nutzt ihr am besten ein Meeting-Tool, mit dem ein Bildschirm geteilt werden kann. Die Schreibgruppenmoderator*in kann dann den Timer für alle sichtbar einblenden. Natürlich können sich auch alle selbst parallel auf Handys oder mit der traditionellen Küchenuhr die Zeit einstellen, doch mit der gemeinsamen Anzeige wächst das gemeinsame Schreibgefühl.

Wir empfehlen hier zwei Apps mit klarem und ablenkungsarmem Design, der Möglichkeit, konkrete Aufgaben zu planen, mehrere Zeiten hintereinander zu tracken und im modernen Browser ohne Anmeldung und Kosten arbeiten zu können.

Diese Tools lassen sich selbsterklärend bedienen und für das zweite gibt es ebenfalls eine App für IOS und Android.

Keine Panik vor der Technik!

Und falls ihr euch jetzt von der ganzen Technik etwas erschlagen fühlt: keine Panik. Es kann nichts schief gehen, probiert es einfach aus und lernt die Tools im Tun kennen.

Die Autorinnen:

Gerti Kohlruss, Lehrerin, Lerncoachin, Medienberaterin. Mein Motto: “The Person who does the work is the Person who learns (David Sousa)

Dr. Eva-Maria Lerche, Schreibcoachin und Schreibtrainerin für wissenschaftliches, berufliches und kreatives Schreiben. Mein Motto: Damit dich die Muse küsst, musst du dich mit ihr verabreden.