17 April 2020

Raus aus dem stillen Kämmerlein – Online-Textfeedback-Gruppen organisieren

Posted in Wissenschaftliches Schreiben, Schreiben im Beruf, Kreatives Schreiben

Raus aus dem stillen Kämmerlein – Online-Textfeedback-Gruppen organisieren

„Raus aus dem stillen Kämmerlein“ gehört zum Schreiben dazu. Denn Texte möchten laut werden, einen Dialog öffnen und Applaus bekommen, um gute Texte werden zu können. Nur in Zeiten von Virenalarm gilt eher: „Rein ins stille Kämmerlein“. Auf Textfeedback musst du deshalb aber nicht verzichten.

Wir, Eva-Maria Lerche, Schreibcoachin, und Gerti Kohlruss, Expertin für digitales Lernen, stellen dir Möglichkeiten vor, wie du dir eine Online-Textfeedback-Gruppe organisieren kannst und welche digitalen Tools sich dafür eignen.

Die Zutaten

  1. Suche dir zwei bis drei Personen, mit denen du dich gut verstehst, von denen du gerne Feedback annimmst und denen du gerne Feedback geben möchtest. Drei bis vier ist eine gute Gruppengröße: Drei Personen sollten es sein, damit alle mindestens zwei unterschiedliche Feedbacks bekommen. Denn Feedback ist immer subjektiv, aber gerade diese subjektiven, unterschiedlichen Perspektiven auf den eigenen Text helfen, ihn weiterzuentwickeln. Mehr als drei Feedbacks können aber dazu führen, dass dich das Feedback erschlägt.
    Eure Texte können übrigens aus ganz unterschiedlichen Genres kommen. Es kann eine Gruppe sogar bereichern, wenn die Erste einen wissenschaftlichen Artikel, der Zweite einen Roman und die Dritte ihre Webseitentexte schreibt.
  2. Bei Textfeedback ist es wichtig, nie die Person hinter dem Text zu vergessen. Das geht leichter, wenn ihr euch online seht. Ihr braucht also einen Computer, Laptop, Tablet, Smartphone o.ä. mit Kamera und eine stabile Internetverbindung. Wenn die Audioqualität schlecht ist, hilft oft ein Headset.
  3. Und zuletzt: Einigt euch auf digitale Werkzeuge. Diese stellen wir euch am Ende des Beitrags vor.

Ein möglicher Ablauf

Vorab

Verständigt euch darauf, welchen Umfang die eingereichten Texte haben und bis wann sie allen gemailt bzw. in einer Cloud bereitgestellt werden. Drei bis fünf Seiten haben sich als Umfang bewährt. Pro Text solltet ihr ca. 30 Minuten für die Besprechung einplanen. Bei drei Personen braucht ihr mit Begrüßung und Abschluss also eineinhalb bis zwei Stunden Zeit.

Damit euch das Feedback wirklich weiterhilft, gebt euren Leser*innen einen klaren Feedbackauftrag. Sonst kann es passieren, dass ihr ein Feedback z.B. auf die Sprache bekommt, obwohl ihr selbst noch mit der Struktur beschäftigt seid und den Text zunächst inhaltlich schärfen möchtet, bevor ihr an Formulierungen feilt.

Schreibt zu eurem Text, in welchem Bearbeitungsstadium er sich befindet (z.B. erster Aufschlag, einmal überarbeitet, fast fertig) und formuliert Feedbackwünsche, z.B.:

  • Hier habe ich eine Frage: …
  • Achtet besonders auf: …
  • Hier bin ich mir unsicher: …
  • Das könnt ihr im Moment ignorieren: …
  • Ein Feedbackwunsch kann auch sein: „Beschreibt mir bitte, welche Atmosphäre in dem Text rüberkommt.“ Oder: „Könnt ihr meiner Argumentation folgen?“

Feedbackrunden und Feedback-Tipps

Bei der Besprechung kann hilfreich sein, ein*e Hüter*in der Zeit zu bestimmen, damit das Feedback fokussiert bleibt und ihr euch nicht im kleinsten Detail verheddert. Bewährt hat sich, dass alle der Reihe nach ihr gesamtes Feedback zum jeweiligen Text geben. Dabei helfen ein paar Tipps, damit das Feedback konstruktiv bleibt und die Schreibenden nicht verletzt:

  • Gebt ein Feedback, mit dem ihr eure Wahrnehmung des Textes spiegelt, statt ihn zu bewerten. Es macht einen Unterschied, ob ich sage: „Hier konnte ich deiner Struktur nicht folgen (vielleicht habe ich es aber auch nur nicht verstanden)“ oder „Dein Text hat keine Struktur“.
  • Stellt Fragen, die der Feedbacknehmer*in helfen, die eigenen Überlegungen zu sortieren und zu schärfen, z.B. „Ich höre hier zwei verschiedene Botschaften, stimmt meine Wahrnehmung?“; „Diese Stelle habe ich nicht verstanden, kannst du sie mir nochmal erklären?”
  • Gebt keine ungefragten Ratschläge, sondern teilt eure Gedanken, z.B. „Ich habe da eine Idee, könnte das passen?“

Kleinigkeiten, die auffallen, z.B. Grammatik- oder Kommafehler, könnt ihr im privaten Chat übermitteln oder im Anschluss nochmal das Dokument mit Anmerkungen an die Autor*in zurückmailen bzw. in der Cloud speichern. In Zoom könnt ihr den privaten und den gemeinsamen Chat speichern, damit ihr euch später nochmal die Details ansehen könnt.

Feedback geben und annehmen

So wichtig wie es ist, ein Feedback ohne Bewertung zu geben, so wichtig ist es, das Feedback ohne Bewertung zu hören. Ihr behaltet immer die Verantwortung für euren Text und entscheidet, welche Impulse aus dem Feedback ihr als Anregung nehmt, euren Text zu überarbeiten.

Haltet euch nach dem Online-Treffen genügend Zeit frei, um das Feedback zu sichern oder, noch besser, direkt einzuarbeiten. Eine gute Strategie ist, alles an einem Ort zu sichern. Hierfür helfen Cloud-Speicher, z.B. OneDrive oder Dropbox.

Meeting-Tools für Textfeedback-Gruppen

Als geeignete Meeting-Tools haben wir euch in dem Beitrag über Online-Schreibtreffs die Tools Blizz, Zoom, Jitsi und edumeet/geant vorgestellt. Sie eignen sich alle auch für Textfeedback-Gruppen.

Manche Meeting-Tools (z.B. Zoom) bieten euch die Möglichkeit, eine zweite Kamera einzublenden oder den eigenen Bildschirm mit dem Textdokument für alle freizugeben. So können alle beim Zuhören die Textpassagen mitlesen. Wenn vorhanden, hilft hier auch ein zweiter Bildschirm: einer für den Text, einer für das Meeting. Handschriftliche Texte könnt ihr einscannen/abfotografieren oder mit Hilfe einer zweiten Kamera (z.B. vom Smartphone) und einem kleinen Stativ oder einer Schwanenhalshalterung einblenden.

Cloud-Speicher für das Teilen der Texte

Die Texte für das Feedback könnt ihr euch per E-Mail schicken. Komfortabler ist es allerdings, wenn ihr direkt einen Cloud-Speicher nutzt und die Datei allen zum Lesen, Kommentieren und evtl. auch Schreiben freigebt. So sind direkt alle Kommentare eurer Feedbackpartner*innen gesichert, die sie dann während des Online-Treffens erläutern können.

Neben den großen Bekannten wie Google Drive und OneDrive gibt es auch die unbekanntere, jedoch sehr aufgeräumte Alternative Papers in Dropbox. Sie eignet sich v.a. für eine gute Arbeitsorganisation, weil termingebundene Aufgaben erzeugt werden können. Dokumente können sowohl für einzelne Personen als auch per Link freigegeben werden, entweder nur für das Kommentieren oder auch für das Bearbeiten des Textes.

Wer nur einen Online-Speicher sucht, die Daten aber gern auf europäischen Servern wüsste, dem sei MyDrive (https://www.mydrive.ch/de/) empfohlen.

Zeitversetztes Online-Textfeedback

Ihr findet keinen gemeinsamen Termin für eine Textfeedbackgruppe? Oder nicht alle haben dauerhaft eine stabile Internetverbindung? Textfeedback lässt sich auch zeitversetzt geben, und auch hierbei helfen einige digitale Tools. Die stellen wir euch im nächsten Beitrag vor.

 

Die Autorinnen:

Gerti Kohlruss, Lehrerin, Lerncoachin, Medienberaterin. Mein Motto: “Give feedforward not feedback.” - Chris Dyer

Dr. Eva-Maria Lerche, Schreibcoachin und Schreibtrainerin für wissenschaftliches, berufliches und kreatives Schreiben. Mein Motto: Friendly Feedback beflügelt das eigene Schreiben.