29 März 2019

Ordnung und Chaos, freundlich vereint

Posted in Wissenschaftliches Schreiben, Schreiben im Beruf

„In jedem Chaos steckt eine unentdeckte Ordnung.“

Nur eine Ausrede oder ein freundlicher Blick auf das scheinbare Chaos? Gerade im wissenschaftlichen Schreiben oder anderem „ernsthaften“ Schreiben im Beruf sind die Vorstellungen davon, wie man „richtig“ schreibt und „richtig“ arbeitet, nach wie vor wirkmächtig – und können das Schreiben massiv blockieren. „Eigentlich habe ich damals alles falsch gemacht“, höre ich dann häufig von Kund*innen, wenn ich sie frage, wie sie bei bisherigen Schreibprojekten vorgegangen sind. Dabei haben sie nur einen anderen als den normativ vorgegebenen Weg gewählt – und waren damit nicht immer, aber häufig erfolgreich.

Konvergente und divergente Zeitmanager

Chaos oder Ordnung? Ein gutes Beispiel dafür sind unterschiedliche Formen des Zeitmanagements. Es gibt Menschen, die wirken auf andere sortiert und aufgeräumt, gut strukturiert und ordentlich. Sie machen sich stringente Zeitpläne und halten sich tatsächlich auch dran. Viele Ratgeber zum Zeitmanagement sind von solchen gut organisierten Menschen geschrieben worden. Gut gemeint. Aber was ist mit denen, die auf andere chaotisch und unsortiert wirken? Sich ambitionierte Wochenpläne machen, aber sie nie einhalten? Diese Menschen müssen keineswegs chaotisch sein. Tatsächlich kann in ihrem scheinbaren Chaos eine unentdeckte Ordnung stecken. Diese divergenten Zeitmanager brauchen andere Formen, sich und ihre Tätigkeiten zu sortieren, z.B. visuelle Methoden wie Mind Mapping oder flexible Systeme wie Kanban, die zulassen, im Prozess die Prioritäten zu ändern.

Gerüst oder Vision vom fertigen Haus?

Die Frage nach Chaos oder Ordnung lässt sich auch auf das Schreiben übertragen. Es gibt diejenigen, die von Beginn an strukturiert schreiben, sich eine exakte Gliederung machen und sich an dieser Schritt für Schritt entlanghangeln. Ihnen hilft das Gerüst, um ihr Haus zu bauen. Und wenn dieses Vorgehen nicht funktioniert? Dann hilft es vielleicht, intuitiv einen anderen Weg zu gehen, Neues auszuprobieren, Umwege zu gehen und dabei doch einem inneren roten Faden zu folgen. Häufig hilft dann gerade im wissenschaftlichen Schreiben, weniger die Gliederung als vielmehr das Erkenntnisinteresse, die Suche nach Antworten, in den Fokus zu rücken und sich immer wieder darauf zurückzubesinnen. Hier führt dann weniger das Gerüst, als die Vision vom fertigen Haus zum Ziel.

Induktiv oder deduktiv?

Gleiches gilt für das Vorgehen insgesamt im Forschungsprozess. Man kann deduktiv – vom Allgemeinen zum Besonderen – vorgehen. Das bedeutet, grob gesprochen, sich die vorhandenen Theorien zu erarbeiten, daraus Thesen zu entwickeln und diese an einem Beispiel zu validieren – wie es z.B. in der Psychologie verbreitet ist. Oder man kann induktiv – vom Besonderen zum Allgemeinen – vorgehen. Man springt nach einer ersten, orientierenden Einarbeitung ins Forschungsfeld, nimmt mit einem offenen, neugierigen Blick auf, was dort passiert, und entwickelt hieraus Thesen, die dann in Bezug zu vorhandenen Theorien gesetzt, diskutiert und weitergesponnen werden – ein Vorgehen, das z.B. in der ethnografischen Forschung üblich ist. Oder man kombiniert beides, indem man sich erst vorhandene Theorien erarbeitet, um dann, darauf aufbauend, zu experimentieren, um zu neuen Lösungen zu gelangen – so z.B. in der Chemie. Das Risiko zu scheitern ist bei den letzten beiden Vorgehen größer als bei dem ersten: man muss letztlich bereit sein, von der Klippe zu springen, ohne zu wissen, wo man landet. Doch die Belohnung sind dann oft wirklich neue, spannende und mitunter auch überraschende Ergebnisse.

Beides funktioniert!

Nicht nur das Prinzip Ordnung, sondern auch das Prinzip Chaos oder eben Mischformen funktionieren. Das Schöne daran ist: Sie müssen sich gar nicht für das eine oder andere entscheiden. Dort, wo es sich anbietet, können Sie eine To-do-Liste machen, Prioritäten setzen und Aufgaben schrittweise abarbeiten. Und dort, wo es passt, dürfen Sie Ihrer inneren Ordnung folgen, auch wenn diese auf andere chaotisch wirkt, zwischen Tätigkeiten springen, Dinge parallel erledigen, sich fallen lassen und die Kontrolle abgeben und der Kreativität ihren Lauf lassen. Dabei ist es sinnvoll, immer mal wieder zu reflektieren: Komme ich mit dem Vorgehen, das ich gerade ausprobiere, zum Ziel?

Neues entsteht dann, wenn Sie neue, auch mal krumme Wege wagen. Deshalb: Wenn Ihnen Ihr innerer Kritiker das nächste Mal sagt: „Das ist aber falsch, das macht man so nicht“, suchen Sie doch einfach mal selbstbewusst nach der Ordnung, die sich in Ihrem scheinbaren Chaos verstecken könnte.

Einen Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.