15 März 2022

Vom Wissensnetz zur Gliederung

Posted in Wissenschaftliches Schreiben

„Aber es hängt doch alles mit allem zusammen!“
Vom assoziativen Wissensnetz zur linearen Struktur

Vielleicht stecken Sie gerade in der Schreibphase Ihrer Dissertation und stehen an folgenden Punkt: Sie haben ein großes Netz aus Forschung, Wissen, Ergebnissen und Erkenntnissen geknüpft, in dem alle Aspekte miteinander verbunden sind. Dieses Netz könnten Sie auch wunderbar visuell darstellen: als eine große Landkarte, Mind Map, ein Spinnennetz oder einen Sternenhimmel. Und nun stehen Sie vor der Herausforderung, dieses Netz in eine – irgendwie künstlich filetierte – lineare Struktur zu überführen.

Zugegeben ein Problem, das vor allem Promovierende der qualitativ arbeitenden Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften haben.

Wann kommt welche Information? Die Qual der Wahl

Bei meiner eigenen induktiv-qualitativ angelegten Dissertation hätte ich mittendrin gerne einfach ein solches Wissensnetz abgegeben, z. B. als Grafik oder als Datenbank, auf die von verschiedenen Perspektiven zugegriffen werden kann. Doch ich musste mich entscheiden: Für eine Gliederung, eine Reihenfolge der Informationen, für eine Form, die Geschichte zu erzählen, damit ein Buch draus wird. Und ich dachte die ganze Zeit: „Aber sie brauchen doch auch die letzte Information schon zu Beginn, um die erste Information zu verstehen.“

Die Folge waren zahllose Querverweise auf andere Kapitel – die ich dann am Ende (fast) alle gestrichen habe. Denn schließlich war es meine Dissertation und so durfte ich auch entscheiden, wie ich die Arbeit aufbaue und wann ich den Lesenden welche Informationen geben möchte. (Was ja nicht bedeutet, dass die Lesenden diese Reihenfolge einhalten müssen.)

Wie erzählen Sie Ihre Promotions-Reise?

Um von dem Wissensnetz zur linearen Struktur zu gelangen, hilft das folgende Bild: Die Promotion ist eine spannende Reise. Und die Dissertation ist sozusagen der Reisebericht. Überlegen Sie einmal, wie Sie anderen von einer Reise erzählen: Starten Sie damit, wie Sie den Koffer gepackt haben und in den Zug ein- und dann ausstiegen sind, von dort zur Unterkunft gelaufen sind und dann den Koffer ausgepackt haben? Oder erzählen Sie so, dass es für die Lesenden spannend wird und sie zugleich die Orientierung behalten, wo Sie waren und was Sie Interessantes erlebt haben?

Beim Reisebericht bilden Sie intuitiv Oberkategorien, z. B. wie das Essen war, was Sie besichtigt haben, welche Veranstaltungen Sie besucht haben, welches Wetter herrschte. Bei der Dissertation ist das natürlich nicht so einfach: Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Kategorienbildung: Gehen Sie von der Struktur des Materials aus, von der Chronologie der Forschung, von den Ergebnissen und daraus herausgeschälten Oberkategorien?

Hier hilft nur eins: Ideen raus aus dem Kopf auf das Papier, um Varianten durchzuspielen und durchzusprechen.

Schreibtipp: Verschiedene Routen ausprobieren

Die Leitfrage bei der Strukturierung der Dissertation ist: Welche Informationen brauchen die Lesenden an welcher Stelle, um das jeweils Folgende verstehen und Ihrer Argumentation folgen zu können?

Der folgende Schreibimpuls kann Ihnen helfen, das Wissensnetz zu sortieren:

So geht′s

  • Überlegen Sie zunächst, was Sie strukturieren möchten. Ein Kapitel, ein Teilkapitel, einen Artikel oder das ganze Buch?
  • Schreiben Sie alle Gliederungspunkte, die Sie unterbringen möchten, auf einzelne Zettel oder Karteikarten. Sie können unterschiedliche Farben verwenden, um zusammengehörende Elemente zu markieren.
  • Spielen Sie eine erste Gliederungsmöglichkeit durch, indem Sie die Karten wie einen Weg auslegen, den die Lesenden abschreiten können:
    • Was ist der Hauptweg, d. h. welche übergeordneten Kategorien ergeben sich? Entscheiden Sie sich für ein Gliederungsmuster, indem Sie z. B. der Struktur des Materials oder der Chronologie der Forschung folgen oder von den Ergebnissen ausgehend ein eigenes Kategoriensystem entwickeln.
    • Was sind Nebenwege, die vom Hauptweg abzweigen und weitere spannende Ausblicke versprechen?
  • Fotografieren Sie die ausgelegten Karten zur Dokumentation ab und spielen dann eine zweite, vielleicht auch eine dritte Gliederungsmöglichkeit durch.
  • Vermutlich sehen Sie jetzt schon recht klar, wo es noch knirscht, wo Sie das gewählte Gliederungsmuster aufbrechen müssen, wo die Varianten gleich gut oder gleich schlecht erscheinen.
  • Jetzt brauchen Sie eine Person, die Ihnen wohlwollend und offen zuhört. Erläutern Sie ihr die verschiedenen Versionen, die Vor- und Nachteile, die Knackpunkte und Gedankenknoten. Oft klärt sich schon durch das Aussprechen, wie die beste Lösung aussieht. Vielleicht sieht die Person, die Ihnen zuhört, aber auch einen Weg, bei dem Sie selbst betriebsblind sind, und kann Ihnen so helfen, vom Wissensnetz zur linearen Struktur zu gelangen.

Pragmatisch entscheiden

Und dann kommt der abschließende Punkt: Treffen Sie eine pragmatische Entscheidung. Die Dissertation ist eine Qualifikationsarbeit, kein Lebenswerk.

Übrigens: Wenn Sie an diesem Punkt angekommen sind, Ihr großes Wissensnetz in eine lineare Struktur zu überführen, stehen Sie – so meine Erfahrung – kurz davor, die letzte große Hürde der Dissertation zu nehmen.